Archiv für den Monat November 2015

Die Göttin schickte mir die „weise (überhebliche?) Alte“, damit sie mich lehrt

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Ich liege grade im Krankenhaus. Ich hatte einen Mückenstich, der sich entzündet hat und wegen Verdacht auf Blutvergiftung bin ich nun das erste Mal in meinem Leben im Krankenhaus.

Ich glaube ja daran, dass nichts im Leben ohne Grund passiert. Deshalb bin ich nun die ganze Zeit am rätseln: Was soll das alles nun bedeuten? Manchmal kommen Gedanken von „Strafe“ in meinen Kopf, die mir auferlegt wurde, weil ich hier oder da nicht gut gehandelt habe. Aber gibt es so etwas wie „Strafe“ überhaupt? Eigentlich glaube ich daran, dass in allem eine tiefe Chance verborgen liegt, zu wachsen. Und bei allem, was uns passiert, lernen wir uns selbst noch besser kennen.

Zuerst war ich alleine auf dem Zimmer. Am zweiten Tag haben sie mich dann gefragt, ob es in Ordnung für mich wäre, eine Zimmergenossin zu bekommen. Zuerst dachte ich: „Ach nö, is‘ doch so schön alleine..“ Aber dann dachte ich an die Möglichkeit, dass die Göttin mir vielleicht jemand ganz Bestimmtes schickt und sagte ja.

Eine alte Frau betrat mit ihrem genauso alten Mann das Zimmer. Als ihr Mann weg war, vergingen keine zwei Minuten, da wusste ich schon, dass ihre beiden Söhne Ärzte sind, ihr Mann Physiker an der Uni und auch all ihre Enkelkinder haben eine grandiose Laufbahn. Der eine studiert sogar an der Sorbonne in Paris. Da war ich total angepisst und ich hasste diese alte, hochnäsige Schnepfe! Ich hatte vorher lediglich gesagt, dass ich Lehrerin bin.

Eigentlich redet sie die ganze Zeit und ich höre ihr auch zu, weil ich Respekt vor dem Alter habe. Aber manchmal komme auch ich durch. Mir ging diese ganze Intellektuellen-Medizinerscheiße irgendwann auf den Geist, denn alle Sätze fangen so an: „Mein Sohn, der Kardiologe..“ oder „Mein Sohn, der Tropenmediziner…“ Ich wusste lange nicht, ob ihre Söhne auch Vornamen haben oder ob sie sie eventuell direkt nach der Geburt so genannt hat.

Ich sagte, dass ich mich auch oft zu künstlerischen Tätigkeiten hingezogen fühle. Auch weil ich mich irgendwie schon als so eine Art „Pöbel“ empfunden habe in ihrer Gegenwart und das Gefühl hatte, ich müsste jetzt auch mal zeigen, dass ich Anspruch habe. Aber auch in ihrer Familie sind alle Künstler! Ihre Enkelin hängt das gesamte Haus ihres Sohnes mit ihren künstlerisch fantastischen Bildern voll und auch ihr Sohn, der Kardiologe, ist künstlerisch sehr begabt. Außerdem hat er nicht nur ein Medizinstudium hinter sich gebracht, sondern auch ein abgeschlossenes Studium in Betriebswirtschaft, weil er den Betrieb im Krankenhaus auch nachvollziehen möchte. Ihr Sohn, der Kardiologe, hat auch schon mehreren Menschen das Leben gerettet, wo andere fast einen Fehler gemacht hätten und diese geretteten Menschen sagen heute noch „Er hat mich gerettet!“. Ihr Sohn, der Tropenmediziner, von dem sagen die Leute auch „Der guckt nicht nur über den Tellerrand, nein, der guckt noch viel weiter!“

Dennoch betont sie aber immer wieder: „Also, aber ich möchte wirklich nicht angeben!“ Nein, natürlich nicht!

Dann sage ich, dass ich einen Teil des Jakobsweges gegangen bin (wahrscheinlich auch wieder aus dem Gefühl heraus, ignorant zu sein) und dann wird das von unserer Superoma wieder getoppt mit Reisen nach Haiti, Skandinavien, Australien, Kanarische Inseln etc… Teilweise ist sie selbst gereist, aber vor allem spricht sie von ihren Söhnen. Sie spricht fast überwiegend von ihren Söhnen.

Dann erzähle ich (man ist ja 24h zusammen!), dass ich oft nach Paris fahre – dann war sie in Paris in der totschicken Oper und zwar in Don Giovanni, wo eine Karte 70€ kostet…

Gestern Abend habe ich sie dann aber doch mal in ihre Schranken gewiesen und war wirklich stolz darauf, ganz klar meine Grenzen aufgezeigt zu haben. Sie ist nämlich sehr begabt im Pauschalisieren von „jungen Leuten“. Da nennt sie mir irgendeinen Ort (und wie später rauskommt, in Schlesien!) und als ich den dann nicht kannte, kam sofort der Kommentar: „Ja, ich muss also wirklich sagen, die jungen Leute von heute, die haben ja überhaupt keine geographischen Kenntnisse.“ Da wurde ich langsam wirklich sauer und habe ihr gesagt, dass sie aber sehr oft pauschalisiert und dass ich das jetzt nicht gut finde, so etwas zu sagen, weil ich jetzt den EINEN Ort, den sie mir da zufällig nannte, nicht kannte. Da spielte sie ihren Vorwurf ganz schnell wieder runter und sagte, sie meinte ja gar nicht mich, sondern generell die jungen Leute und redete sich dann um Kopf und Kragen. Damit hatte ich sie dann doch verunsichert.

Zuerst hatte ich ein schlechtes Gefühl, ihr gesagt zu haben, dass das zu weit geht und sie so ins Schleudern gebracht zu haben, aber dann habe ich gedacht: „Nein, jetzt hast du einmal dein Recht verteidigt und nicht alles mit dir machen lassen – und da bist du jetzt stolz auf dich!“ Das schlechte Gewissen kommt ja eben nur aus dem antrainierten Verhaltensmuster heraus, mich niemals zu behaupten und sofort klein beizugeben. Aber damit ist jetzt Schluss. Ich möchte das nicht mehr.

Und ich mache mir gerade darüber Gedanken, warum das alles jetzt so passiert ist. Da liege ich nun mit einem entzündeten Mückenstich im Krankenhaus neben einer Alten, die mich ständig übertrumpfen will.

Und wisst ihr was? Langsam glaube ich, sie bringt mir grad was bei. Wer hat denn mit dem Beruf angefangen? ICH hatte doch sofort das Bedürfnis, ihr zu sagen, dass ich Lehrerin bin. Definiere ich mich vielleicht zu sehr über meinen Beruf? Natürlich, und da bin ich mir sicher, hätte sie spätestens nach 10 Minuten selber damit angefangen, dass beide Söhne Mediziner sind und auch sonst fallen Worte wie „Hierarchie“ und „unterlegen“ aus ihrem Mund. Aber die wichtigste Frage ist: Warum schickt mir die Göttin diese (weise??) Alte? Was soll ich dabei lernen?

Es ist, denke ich, meine eigene große Angst, als ignorant abgestempelt zu werden. Denn irgendwie habe ich mich ja auf dieses Spiel eingelassen (und auch irgendwie damit angefangen?). Was ich bemerkt habe, ist, dass auch ich oft dazu neige, immer zeigen zu wollen, dass ICH sehr anspruchsvoll im Leben bin und leicht dazu tendiere, andere im Zuge dessen als ignorant anzusehen. Vielleicht ist es das, was mir bewusst werden sollte.

Der Krankenhausaufenthalt an sich hat mir zum Einen gezeigt, dass mein Beruf anscheinend zuviel war – offensichtlich musste ich da mal rausgezogen werden und bemerken, dass es auch ohne mich läuft. Ich habe nämlich für den Tag der offenen Tür, der genau in dieser Woche ansteht, einen Auftritt mit den Kindern vorbereitet. Das ist also mein Baby – ich wollte noch mit den Kindern üben, sie vor ihrem Auftritt ansagen, einige Worte zu dem Fach sagen, mich schick rausputzen und einen mächtig guten Eindruck machen. Das kann ich jetzt mal alles knicken. Loslassen ist die Devise – ich bin nicht so wichtig, wie ich denke und die Dinge an meiner Arbeitsstelle können auch ohne mich laufen. Die Kinder treten trotzdem auf und eine Kollegin übernimmt die Präsentation. Nachdem ich euch in meinem letzten Beitrag ja schon berichtete, dass ich kurz vor dem Burnout stand, soll ich nun umso mehr lernen, diesen ganzen beruflichen Kram mehr loszulassen. Ich identifiziere mich zu sehr damit. Stimmt, nun werden mir die Geschehnisse langsam immer klarer.

Nun wollte ich mit „Zum Anderen“ weitermachen – aber das ist ja eigentlich schon das Fazit, das ich grad gezogen habe: auch durch die alte Frau habe ich erkannt, dass ICH offensichtlich sehr in diesen Klassenkategorien drin hänge, sonst gäbe es ja gar keinen fruchtbaren Boden für sie. Ich spreche zwar nicht die ganze Zeit davon, aber anscheinend spielt es doch eine große Rolle für mich. Ich sage auch immer gerne, dass ich Lehrerin bin und wenn ich es irgendwo aufschreiben soll (beispielsweise beim Arzt oder so), überlege ich auch immer, ob ich „Studienrätin“ schreiben soll (das wäre die exakte Beschreibung meines Amtes) oder ob das zu überheblich klingt. Das heißt, ich stecke tiefer in dieser Scheiße drin als ich denke.

Was nehme ich mir nun vor? Ich nehme mir vor, das Leben anders zu sehen. Das Leben in seiner Wahrheit zu sehen und die Wahrheit ist, dass der Tropenmediziner genauso ins Klo kackt wie die Aldi-Kassiererin. Dem Darm ist es also völlig egal, was einer von Beruf ist! Ich nehme mir vor, niemals mehr von dem zu sprechen, was ich von Beruf bin, was ich alles kann etc… Nicht, weil das per se schlecht ist, sondern weil ich bei der Alten gesehen habe, wie überheblich das wirkt und  weil – und das ist eigentlich das wichtigste Argument – ich das nur aus Minderwertigkeitsgefühlen heraus tue. Ich möchte lernen, mich selbst auch so zu akzeptieren, ohne diese ganzen Fähigkeiten und ohne Rückblick auf meine berufliche Laufbahn. Sind wir denn nur etwas wert, wenn wir uns Studienrätin, Doktor oder Quantenphysiker nennen können?

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Man sieht es auch wieder an Pippi Langstrumpf: Sie hat überhaupt keine Bildung, benimmt sich immer daneben und führt ein Lotterleben – dennoch hat sie total viel Selbstwertgefühl und verfügt über eine dementsprechende Fähigkeit zur Selbstbehauptung mit dem Ergebnis, dass die Anderen sie toll finden. Natürlich gibt es auch immer welche, die ihr Leben doof finden (sowie Tante Prusseliese oder die Polizisten), aber wie ich kürzlich in einem Buch über Selbstbehauptung las, ist es eine ungesunde Illusion, zu glauben, man könne mit der Außenwelt ständig und immer in völliger Harmonie leben. Das kann teilweise sogar gefährlich werden.

Ich möchte mich bei meiner Göttin bedanken, die sich unendlich viel Mühe gibt, mich auf meine Defizite hinzuweisen. Ich brauche mehr Abstand zum Beruf, möchte mich wieder mehr mit Hekate, Kali, Freya, Brighid und generell mit meiner Weiblichkeit verbinden und die Spiritualität wieder mehr in mein Leben lassen. Ich erinnere mich auch grade, dass ich früher nicht so war. Da habe ich dieses Berufliche eigentlich immer so „nebenbei“ gemacht.

Ich möchte mich mit der Kraft der Weiblichkeit verbinden, die Anmut des Weiblichen spüren und die tiefe Lebendigkeit, die in der zyklischen Weiblichkeit herrscht und mit der Erde verbunden ist, leben. Vielleicht kann mir die Rückverbindung mit den weiblichen Energien dabei helfen, mich von der Anerkennung anderer zu lösen.

Und ein kleiner, zusätzlicher Wunsch an meine Göttin: Bitte lass nicht zu, dass meine Kinder Kardiologen oder Tropenmediziner werden.

Kleiner Spaß am Rande ;-P

Aber wisst ihr was, langsam fange ich wirklich an, diese Alte zu mögen 😀

Das wird sich aber bestimmt bei ihrem nächsten Spruch irgendwann wieder schlagartig ändern, wenn Kali mich wieder mal auf meine Schwachstellen hinweisen will…