Archiv für den Monat Juni 2015

Litha – ein Wendepunkt: Raus aus der Comfort Zone!

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Ich (32) war letztens auf einem Anti-aging-Vortrag in Bezug auf Yoga usw usf… Der Vortrag war ganz interessant, allerdings war die Erkenntnis, die ich plötzlich unerwartet währenddessen bekam, noch interessanter. Mir wurde klar, dass ich irgendwann alt bin und sterben werde. Ja, ich weiß, natürlich wussten wir das alles schon, aber wenn man diese Erkenntnis auf etwas bezieht, dann verändert sich was: auf die Scham.

Wieviel verbauen wir uns durch Scham? Oder einfach nur aus dem Grund, was die anderen dann denken? Wie oft versperren wir uns es selbst, ALLES zu leben, weil irgendeiner irgendetwas denken könnte? Das ist meine große Erkenntnis zu Litha.

Litha, die Sommersonnenwende, der große Höhepunkt des Sommers, Mutter Natur zeigt sich in ihrer vollen Blüte. Warum tut sie das? Weil sie weiß, dass sie vergänglich ist. Im Herbst fängt es an, da verliert sie langsam ihre Blätter und im Winter ist sie dann tot. Und im Sommer macht sie also genau das Richtige: Sie zeigt, was sie hat! Sie gibt der Welt alles, was sie kann.

Und so ist es auch unsere Pflicht, unsere Schönheit in die Welt zu bringen. Egal, ob sie perfekt ist oder du immer noch mehr lernen kannst – befreie deine Schönheit von allen Werturteilen anderer! Und damit ist nicht nur die äußere Schönheit gemeint. Bei dem Vortrag wurde mir klar, dass es in 100 Jahren kein Schwein mehr interessiert, ob ich irgendwo mal meinen nackten Arsch gezeigt hab oder nicht. Also, raus damit! (Der nackte Arsch ist hier metaphorisch zu verstehen als alles, was du der Welt geben kannst). Und es ist auch deine Pflicht, der Welt alles von dir zu geben, damit beide Seiten davon profitieren. Du lebst dich richtig und das sollst du hier auch. Deine universelle Pflicht ist wichtiger als die Gedanken irgendwelcher Muggel über dich und dein Verhalten, denn die werden später nicht in der Kiste liegen und denken: „Jo, ich hab alles getan.“

Und ja, es kann sein, dass du dabei aus deiner sogenannten „Comfort Zone“ raus gehen musst. Höchstwahrscheinlich. Und das ist auch gut so. Die Comfort Zone ist der Bereich, in dem du dich normalerweise bewegst. Da, wo dir nichts passiert, wo du „in Sicherheit“ bist (in Anführungsstrichen deshalb, weil diese Sicherheit in Wahrheit sowieso nur eine Illusion ist). Aus deiner Comfort Zone gehst du hinaus, indem du Dinge tust, vor denen du Angst hast und ja, es ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Aber du musst es tun, um zu merken, dass NICHTS SCHLIMMES PASSIERT. Das Lustige daran ist nämlich, dass wir Angst vor Dingen haben, vor denen wir keine Angst haben müssen.

Ich zum Beispiel habe immer sehr viel Angst davor gehabt, Männern gegenüber mein Interesse zu zeigen (aus falschen Glaubenssätzen heraus, z.B. „Der denkt, ich habe es nötig/ich bin verzweifelt“ oder sowas ähnliches). Ein Teil meiner Comfort Zone ist also, dass ich mich in einem für mich sicherem Terrain bewege von „ich zeig mein Interesse nicht, dann kann mir nichts passieren“. Das habe ich an Litha einmal anders gemacht – ich habe mein Interesse klar und deutlich gezeigt und ja, es war schrecklich. Der Gedanke, dass derjenige jetzt weiß, dass ich Interesse an ihm habe, hat mich nachts aufschrecken lassen! Aber da muss man durch – und siehe da, ich bin immer noch ich. Ich bekomme immer noch genauso viel Liebe, Interesse und Respekt von anderen Menschen wie vorher. Es passiert nichts Schlimmes. Und jetzt habe ich es zu meinem Hobby gemacht: Männern gegenüber mein Interesse zeigen. Ist schon sehr aufwühlend muss ich sagen 😉 Aber das sollte das Leben sein, man soll sich spüren! In der Comfort Zone geht das nur zu einem gewissen Grad.

Ich wünsche euch eine wunderschöne Litha – Energie!

„Schön, dass du da warst und noch schöner, dass du wieder gehst“

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… sagt Pippi Langstrumpf zu Tante Prusseliese, als die gerade zur Tür raus läuft. Auf den ersten Blick scheint es nur ein lässiger Spruch zu sein – aber seien wir mal ganz ehrlich – bei vielen Menschen, die aus unserem Leben gehen, haben wir doch dieses Gefühl. Jedenfalls ist das bei mir so.

Es passiert mir so oft, dass ich mich vertue. Ich gerate an seltsame Menschen und obwohl ich von Anfang an eine deutliche Stimme in mir höre, ignoriere ich sie und handle nicht nach meiner Wahrheit. Das soll nicht bedeuten, dass diese Stimme sagt, der andere ist doof. Sie gibt mir nur schlichtweg zu verstehen, dass dieser Mensch nicht in mein Programm passt.

Bei einer schamanischen Reise lernte ich eine Teilnehmerin kennen, die mir von Anfang an sehr zugeneigt war und sehr starkes Interesse zeigte, sich mit mir zu treffen. Erfreut und auch irgendwie geschmeichelt ließ ich mich zunächst drauf ein. Mein Gefühl sagte mir aber von Anfang an, dass dieser Mensch komisch ist, bzw. irgendetwas an sich hat, was mir sehr fern ist und was ich nicht verstehen kann. Ich dachte mir zunächst, vielleicht musst du sie erstmal kennenlernen, damit du ihre seltsame Art besser deuten kannst – was ja im Grunde genommen erstmal ein kluger Gedanke war.

Also traf ich mich weiterhin mit ihr. Was mir von Anfang an auffiel war, dass sie niemals nach einem fragte. Sie griff auch keine „Geschichtchen“ auf und erkundigte sich nochmal, so wie es Freundinnen eigentlich oft tun. Ich meine so Sachen wie: „Und? Was gab’s jetzt eigentlich noch mit dem einen Typen“ oder „Wie ist das und das eigentlich gelaufen“. Soweit so gut. Dazu kam auch, dass sie mich auch so niemals etwas fragte. Auch wenn ich ihr gezwungenermaßen von selbst was erzählte, reagierte sie nicht darauf. Kurz und bündig: Es fiel mir schwer, sie einzuschätzen und abzuwägen, ob sie einfach noch ein wenig fremdelt und es mit der Zeit besser wird oder ob das einfach nicht passt zwischen uns.

Nach und nach kam heraus, dass sie starke Medikamente zu sich nimmt (u.a.ein Mittel gegen Epilepsie, obwohl sie keine hat) und jahrelang in der Klinik war. Sie ist 29 Jahre alt und hat einen Frührentenantrag gestellt. Und heute kam sie zu mir und war irgendwie durcheinander. Ich habe langsam das Gefühl, dass sie auch Wahrnehmungsstörungen hat wegen der Medikamente und daher auf sozialer Ebene gar nicht so reagieren kann, wie man es gewohnt ist. Sie erzählte, wie scheiße ihr Leben sei und es sprudelte nur so aus ihr hinaus – eigentlich ein gutes Zeichen. Leider Gottes hat sie die Opferrolle so sehr eingenommen, dass sie der festen Überzeugung davon ist, sie selbst sei nicht schuld an ihren Problemen und habe keinerlei Möglichkeit, selbst etwas zu verändern. Ihrer Einschätzung nach muss sie einfach damit leben, dass sie einem wildfremden Obdachlosen, den sie auf Facebook (!) kennengelernt hat, in ihrem WG-Zimmer beherbergt und ihn nun nicht mehr loswird. Sie hat ihm gesagt, er soll bitte gehen, er möchte es aber nicht und eigentlich sei es ja auch ganz gut, dass er da ist. Sie muss einfach damit leben, unselbständig und uneigenständig zu sein, indem sie mich bittet, sie jedes Mal mit meinem Wagen abzuholen, wenn sie mich besuchen will.

Heute hatte ich sie gebeten, mit dem Fahrrad zu kommen und ihr ganz ehrlich gesagt, dass ich mir auf lange Sicht nicht vorstellen kann, sie jedes Mal abzuholen, wenn sie zu mir kommen will. Das sagte ich nicht aus Bosheit, sondern aus dem ehrlichen Wunsch heraus, eine Freundin zu haben, die eigenständig zu mir kommen kann. Die Entfernung liegt etwa bei 2km, grob geschätzt. Es fahren Busse, sie hat ein Fahrrad und zufuß ist die Strecke auch locker machbar.

Schon als sie zur Tür hineinkam, bemerkte ich, dass ihr das jetzt nicht passte, dass sie mit dem Fahrrad fahren musste. Sie kam schwer atmend herein (sie hat durch die Einnahme der Medikamente extrem viel Übergewicht bekommen) und sagte, sie müsste jetzt erstmal eine rauchen gehen auf meiner Terrasse. Ich stand in der Küche, weil ich sie zu Spaghetti Bolognese eingeladen hatte.

Dann war da aber etwas, das mir ein genaues Zeichen gab, dass das mit ihr für mich niemals erfüllend sein und dass das Ganze an sich nie funktionieren wird. Dieses Zeichen bekam ich, wie so oft, beim Essen. Ich finde es ja immer wieder erstaunlich, wieviel ein Mensch über sich und seine inneren Einstellungen preisgibt, wenn er isst. Vor allen Dingen dann, wenn es darum geht, dass man zusammen isst. So kam ich mit zwei Tellern Spaghetti auf die Terrasse, reichte ihr ihren Teller und musste nochmal hinter ihr vorbei, um zu meinem Platz zu kommen. Und sie fing einfach an zu essen. Ich saß noch nicht einmal auf meinem Platz. Sie fing einfach an zu essen, schaute mich nicht an, hatte ihre große blaue Umhängetasche immer noch um den Körper als wolle sie gleich wieder gehen, stellte den Teller nicht auf den Tisch, sondern hielt ihn die ganze Zeit vor ihrer Brust fest und fing einfach an zu essen. Ich schaute sie irritiert an und sagte: „Guten Appetit.“ Sie sagte es schnell zurück, ohne meine Andeutung zu verstehen und aß weiter.

Ich weiß nicht warum, aber ich mochte es nicht, wie sie mit meinem Essen und mit meiner Geste umging. In unserer Familie war das Ritual des Essens immer sehr wichtig – über Essen wurden Liebe, Dankbarkeit und Respekt gezeigt. Dankbarkeit nicht nur gegenüber dem, der es zubereitet hat, sondern auch Dankbarkeit für das Mahl, das vor einem steht. Und aus dieser gewissen, vielleicht auch „anerzogenen“ Feinfühligkeit für dieses Ritual heraus, wusste ich in dem Moment plötzlich ganz klar, dass sie niemals eine wahre Verbindung zu mir aufbauen wird.

Und dann ging alles ganz schnell. Ich sagte ihr, dass ich mir eine Freundin wünsche, mit der ich mich austauschen kann und die auch ein wenig Interesse an mir zeigt. Sie sagte, sie bräuchte mich nichts fragen, sie wüsste ja, dass ich’s geklärt hätte und das würde ihr reichen. Ich gab zu Bedenken, dass ich es schon brauche, auch nochmal darüber zu reden und dass ich es schön fände, herauszubekommen, was man dabei gelernt hat. Sie wurde richtig aufgebracht und tönte, was geklärt ist, ist geklärt und darüber bräuchte man nicht mehr sprechen und es wäre keinerlei Wort mehr wert (Ich muss dazu sagen, dass es darum ging, dass ein Mann mich leicht stalkerhaft belästigt hatte den Abend zuvor und darüber hatte ich gern nochmal reden wollen, aber sie interessierte es gar nicht, wie das ausgegangen ist). Man soll alles sofort wieder vergessen, was einem an Scheiße passiert ist. Sie wurde immer aufgebrachter: Es gäbe soviel Leid und Armut in der Welt und ob sich ein hungerndes Kind in Afrika auch die Frage stellen soll, warum es jetzt hungert und dass das Mist sei. Sie sei ja ein spiritueller Mensch, aber manche Dinge passieren einfach und da bräuchte man auch nicht drüber reden. Ich bemerkte schnell, dass es keinen Sinn hatte, ihr zu erklären, dass mein Recht, selbst zu entscheiden, ob ich über mein Leben nachdenken möchte oder nicht, unabhängig von hungernden Kindern in Afrika ist.

Ich musste dann ehrlich sein (vor allem zu mir selbst): „Dann weiß ich nicht, wie das mit uns beiden funktionieren soll.“ Ich fand es wirklich schade, dass ich nicht mit ihr in Ruhe darüber sprechen konnte. Beleidigt und vor den Kopf gestoßen (ja, den Schuh muss ich mir leider anziehen, aber ich kann mir gegenüber nicht untreu handeln) verlies sie meine Wohnung. Es tut mir so leid, ich glaube, ich habe sie richtig verletzt. Ich bin selbst zu einem Aspekt geworden, der scheiße gelaufen ist in ihrem Leben. Aber ganz ehrlich, was hätte ich tun sollen? Hätte ich mich an ihre Passivität anpassen sollen? Hätte es sich gelohnt, sich jedes Mal ins Auto zu setzen, damit eine Frau mich besuchen kann, die dann sowieso nicht gewillt ist, mit mir produktiv über etwas zu sprechen? Die Karten sollte ich ihr jedes Mal legen, aber nur aus so einem Hype heraus, sie übertrug es nie in ihr Leben. Und sie weigerte sich, mir die Karten zu legen. Das akzeptierte ich, aber ich merkte schon, dass es in der Sache zwischen uns niemals um mich ging. Wir redeten immer nur über ihre ganzen Probleme und wieviel Unrecht ihr passiert  (und das glaube ich ihr auch), aber es frustrierte mich, dass sie auf diesem Punkt stecken blieb. Ich konnte bald nichts mehr dazu sagen, außer: „Ja, alles scheiße.“ Und vergessen wir nicht, dass sie auch jedes Mal wieder zurück nach Hause bringen sollte. Es war zwar keine sehr schöne Erfahrung, aber ich habe wieder etwas gelernt. Ich habe gelernt, dass ich nicht jedermanns Freund sein kann und dass ich nicht alle Menschen lieben kann.

Und ich dachte: Schön, dass du da warst, aber noch schöner, dass du wieder gehst. Danke Pippi für den weisen und ehrlichen Satz 😉