Archiv für den Monat Januar 2015

Hast du keinen Freund?

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Manchmal frage ich mich: Liegt es an der Stadt, in der ich wohne? Oder liegt es an Deutschland? Oder ist es egal, wo man ist? Gibt es für Menschen wie mich einfach nirgendswo einen Platz, an dem ich mich wohl fühle? Muss man gesellschaftsmäßig Kompromisse eingehen?

Es gibt irgendwie „die große Masse“. Menschen, die wirklich interessant sind, die nicht bei allem einfach mitmachen, ohne etwas zu hinterfragen, sondern das wahre Leben erkennen und leben möchten, sind so selten. Und wahrscheinlich ist es egal, in welchem Land ich lebe, wo ich arbeite oder was auch immer ich tue. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es niemanden mehr interessiert, worum es im Leben wirklich geht. Da geht es um das Vater-Mutter-Kind-Konzept im Reihenhaus, das man natürlich schon frühzeitig im Kindesalter lernt, damit man weiß, wo es hingeht. Da geht es um Arbeit und Geld verdienen, aber nicht mehr um wahre Sinnerfüllung des eigenen Lebens und um Anspruch. Für alle ist es normal, dass alle arbeiten, dass man einen Partner findet, mit dem man Kinder kriegt, um ein gesellschaftlich anerkanntes Leben zu führen.

Und jetzt komme ich. Ich habe keinen Partner, weil 90% aller Männer, die ich treffe, genau dieses Gesellschaftsschema fahren. Ich habe mal auf eine Kontaktanzeige geantwortet und mir Emails mit demjenigen geschrieben, ohne dass wir uns getroffen haben. Eines Tages fragte er mich, wie ich mich beschreiben würde. Ich sagte, dass ich sehr bestrebt sei, den wahren Sinn meines Lebens zu finden und eben nicht mit dem Strom zu schwimmen. Dass ich immer versuche, die Dinge, die in der Gesellschaft als normal bezeichnet werden, zu hinterfragen und Alternativen zu finden. Ab diesem Zeitpunkt schrieb er mir nie wieder. Ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hat.

Wenn man einen Partner hat, wird dies in der Gesellschaft als „Erfolg“ empfunden und gespiegelt. Wenn du keinen hast, muss einer her. Die Leute fragen mich: „Wie, du hast keinen Freund? Du bist doch so ein hübsches Mädchen!“ Würde ich mir jetzt irgendeinen suchen und sagen: „Das ist mein Freund“ (natürlich mit seinem Einverständnis), wird das von der Gesellschaft anerkannt und du bist nicht mehr die Frau, die ein Manco hat, du bist dann vollständig und niemand sagt mehr was. Ob ich mit diesem Mann glücklich bin, ob ich mit diesem Leben in der Partnerschaft glücklich bin, ist egal, du wirst als „vollständig“ akzeptiert und warst für die Gesellschaft auf der Partnersuche „erfolgreich“.

Für Frauen über 30 wie mich ist es da manchmal schwer. Natürlich sehne ich mich nach einem Mann, aber wenn da nunmal niemand ist, bei dem meine Leidenschaft hochkocht, dann kann ich doch leider nichts dran ändern. Der gesellschaftliche Druck allerdings, aktiv auf die Suche zu gehen, ist sehr hoch. Da kommen Sprüche wie: „Ja ich weiß ja, wie das bei Frauen über 30 ist.“ Natürlich kam dieser Spruch von einem Mann, der sich für den Größten hält. In Wahrheit sitzt er in einer Beziehung fest, in einer Ehe mit zwei Kindern und ist totunglücklich. Das darf man aber nicht sagen. Er hat eine Frau, zwei Kinder und ein Haus. Beide haben Arbeit und alles ist deshalb normal und absolut niemand darf das hinterfragen.

Also, ich fasse nochmal zusammen: Ich bin 32 Jahre alt, Single (das heißt immer, mir fehlt etwas) und somit gesellschaftlich erfolglos in Liebesdingen. „Irgendetwas stimmt nicht mit mir.“

Ich wünsche mir, einfach mehr Menschen zu treffen, die weiter schauen, die meine Lebenssituation als eine von vielen Formen sehen, wie man sein Leben leben kann. Für 2015 wünsche ich mir viele interessante Bekanntschaften, die meinem Leben Tiefe und Farben geben.

Ich wünsche euch ein frohes neues Jahr!