Wenn das ICH zum WIR wird…

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Ich hatte ein interessantes Gespräch mit meiner Arbeitskollegin, die ich sehr schätze. Sie ist jetzt seit einem Jahr verheiratet und wir kamen darüber ins Gespräch. Für sie bedeutet Heiraten etwas ganz Besonderes, das Versprechen hat etwas Symbolisches für sie sowie auch der Ring. Das Symbol der Liebe. Das fand ich sehr schön, ich sehe den Sinn, den viele Menschen darin sehen. Aber ich würd’s trotzdem nicht tun. Ist jedenfalls im Moment so. Außerdem habe ich eh keinen Mann, den ich heiraten könnte – geschweige denn der MICH heiraten möchte… ;-).

Jetzt könnte man annehmen, dass dies schon immer meine Überzeugung war, aber das war es bis vor zwei Jahren gar nicht. Hättet ihr mich vor drei/zehn/fünfzehn Jahren gefragt, hätte ich euch immer aus tiefster Überzeugung geantwortet, dass ich natürlich heiraten will. Und ich hätte auch nicht gedacht, dass sich das nochmal so radikal ändert. Und das liegt nicht daran, so wie mein Arbeitskollege vermutet, dass ich eine ungute Erfahrung mit einem Mann gemacht habe, die mich in meinen Grundfesten erschüttert hat, nein, es liegt vielmehr an einer Erfahrung mit mir selbst. Irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe die ganze Zeit nicht gewusst, dass ich nicht wusste, wer ich bin und was ich will. Und dieses Wortspiel ist auch genauso gemeint. Vielleicht kam die Hochzeitsidee von meinen Freundinnen, von meinen Eltern, die ja schließlich auch verheiratet sind oder aus dem Kino… Tja, und jetzt steh ich da und merke, dass wahre Liebe für mich persönlich (ich sage das extra so, da ich betonen möchte, dass das jeder für sich selbst entscheiden muss) etwas extrem Freies ist, verbunden und gleichzeitig ungebunden. So wie die Natur.

Liebe ist für mich, wenn ich ICH bleiben kann – der größte Horror wäre es zum „WIR“ zu werden! Da braucht man auch keine Hochzeit für, das machen viele Paare (darunter viele ehemalige Freunde von mir) ganz freiwillig und rennen wie blöd darauf zu, als würde dieses „WIR“ sie vollends erfüllen. Aber die Erfüllung nur in einem anderen Menschen zu suchen, kann nur eine temporäre Erfüllung sein.

Ich sage bewusst „ehemalige Freunde“, denn je mehr sie zum WIR wurden, desto mehr entfernten sie sich von mir. Es fängt alles erst immer damit an, dass man sich nur noch schwer mit ihnen allein treffen kann. Da bleiben dann viele intime Gespräche, die einem vorher so wichtig waren und von denen man angenommen hatte, sie wäre dem anderen genauso wichtig, auf der Strecke. Mit der Zeit beginnen dann die Familienangelegenheiten und sie haben bald keine Zeit mehr für dich, weil das Familienfest organisiert werden muss und auch einfach weil sie sich nur noch mit ihrem Partner und seiner Familie auseinandersetzen. Für sie ensteht ein ganz neues soziales Netz, das für das alte keinen Platz mehr lässt. Ich habe leider wirklich sehr oft die Erfahrung gemacht, dass dann keine Zeit mehr bleibt für andere Freundschaften. „Sorry schatzi, WIR haben heute Grillparty bei Franks Eltern, aber nächste Woche müssen wir uns unbedingt treffen!“ (Mmmmhhh, welches WIR ist jetzt gemeint??) Meistens geht der Kontakt dann ganz verloren… Das tut mir sehr weh, aber gleichzeitig habe ich wieder Platz für neue Freunde. Vielleicht sind es schon diese Dinge, die mich zurückschrecken lassen vor Heirat und Partnerschaft im Allgemeinen… Jedenfalls folgt in letzter Zeit auf das WIR dann auch bald die Heirat und vielleicht die Kinder. Aber was denken sich diese WIRER eigentlich? Was machen die denn, wenn die sterben müssen? Wie soll das funktionieren? Tja, hier kommt man wieder auf den Boden der Tatsachen: Man muss auch alleine sterben.

Wie tief diese Erfüllung wirklich ist, wird sich in Zukunft herausstellen. Das Leben wird eigentlich mit dem Alter immer aufregender – jetzt ist die Zeit, in der alle um mich herum heiraten und Kinder kriegen und dann wird die Zeit kommen, in der man sehen wird, ob es immer für jeden eine gute Entscheidung war, zu heiraten. Der Skorpion lauert und ist gespannt 😉 hihihi… Vielleicht sollte ich doch noch umschulen und Scheidungsanwältin werden 😉

Letzteres klingt sicher sehr skorpionisch-rachesüchtig, aber ich freue mich wirklich über jeden Verheirateten, der dies aus voller Überzeugung macht und auch reif dafür ist. Es erfüllt mich zu sehen, wie diese Paare sich lieben und glücklich miteinander sind. Ich weiß allerdings nicht, ob das die Leute sind, die zum WIR geworden sind oder eher die, die ihr eigenes ICH immer behalten haben.

Auch wenn meine bisherige Rede nicht so klang, suche auch ich in meinem tiefsten Innern einen Seelenverwandten. Aber meine Seele scheint nicht so viele Verwandte zu haben ;-(  Naja, einen habe ich immerhin schon einmal gefunden und ich versichere euch: wir sind damals nicht zum WIR geworden und haben uns trotzdem sehr geliebt 😉

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  1. Ja Du, ohne „Wir-Gefühl“ und sich drauf einlassen auch keine funktionierende Parterschaft, jedenfalls nicht auf Dauer. Ich denke es ist wichtig in dem WIR auch ein ICH zu bleiben. Alchemie 😉
    Nein, ernsthaft. Jeder so wie er mag. Ich wußte von klein an schon dass ich mal heiraten möchte – unbedingt (und das hab ich vor acht einhalb Jahren, mit 24 getan) – aber niemals Kinder haben will. Also leibliche jedenfalls. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wir haben unsere drei Katzen und das sind UNSERE Kinder ♥ Ich wüßte nicht, wen ich mehr lieben könnte….
    Aber ich schweife ab. 😉
    Ist schon richtig, was Du sagst. Das Leben verändert sich nunmal, man entwickelt sich weiter. Dazu gehört natürlich auch dass Interessen sich ändern, manche Gemeinsamkeiten vergehen und man nunmal seine Zeit auch anders einteilen muss. Ich sehe das an mir selber und auch ganz viel im Freundes- & Bekanntenkreis. Du wirst Dein Glück schon finden, wie auch immer Du es Dir wünschst…. 🙂

    • „Wir“-Gefühl auf jeden Fall! Das kenn ich sogar und kann ich auch ein bißchen 😉 Aber das Maß ist halt immer wichtig… ist in der Alchemie sicher auch oft so 😉
      Ich finde es toll, dass du deinen Weg so gegangen bist und freue mich über deine süße Familie 😉 Es ist komisch, aber ich habe heute noch gedacht, dass Figaro mein Lebensgefährte ist…Wir haben aber leider noch keine Kinder ;-(

      • Hehe, kann ja noch kommen 😉
        Und ich muss Dir natürlich Recht geben, ein gesundes Mittelmaß ist immer wichtig im Leben, in jeder Situation. Nur WIR ist nicht normal und kann meiner Meinung nach auch nicht gut gehen auf die Dauer. Aber nur ICH wird die Beziehung wohl ebenfalls im Keim ersticken…. (wie in einer guten Freundschaft eben auch)

  2. Ich kann dich sehr gut verstehen. Mir ist der Ausgleich in einer Partnerschaft auch sehr wichtig, würde mich niemals für jemanden aufgeben wollen und ich mag es auch nicht, wenn man ständig ALLES zusammen machen muss. Das hatte ich einmal und es war ätzend. xD Da bin ich wohl zu selbstständig…ein Hexe eben….;) Trozdem ist natürlich WIR Zeit enorm wichtig in einer Partnerschaft, vertrauen und das berühmte „auf einer Wellenlänge sein“. Heiraten, nö, hab ich auch nicht vor. Für mich tut es dann ein ganz einfaches, romantisches Ritual der Zweisamkeit, das wohl immer mal wiederholt werden sollte…hehe…aber gut sag niemals nie. Sollte mein Partner unbedingt heiraten wollen, dann kann ich auch damit leben. 🙂

    Liebe Grüsse
    Nicky

    • Ja, vielleicht hat das „Hexe sein“ ein stückweit etwas mit Eigensinnigkeit, Wildheit und Individualität zu tun… was aber nicht bedeutet, dass wir nicht fähig zu tiefer Liebe und Verbundenheit sind.

  3. Huhu liebe Sofia, ein toller Artikel! Für mich ist das eine absolute Horrorvision irgendwann zu einem WIR zu mutieren. Ich brauche das ICH und DU in einer Beziehung, um glücklich zu sein. Eine partnerschaftliche Beziehung ist für mich zwar etwas sehr schönes und ich bin ein absoluter Beziehungsmensch, aber nur, wenn ich mein ICH behalten darf. Du hast so schön geschrieben, dass die Liebe etwas “Freies ist, verbunden und gleichzeitig ungebunden“. Das sehe ich genauso… Aber ich denke nicht, dass das die Meinung der Mehrheit ist. Vielleicht bin ich auch einfach zu sehr gepraegt von der düsteren Vergangenheit, dass ich zu aengstlich bin ein WIR zu spüren und ebenso Angst davor habe, mein wiedergewonnenes ICH abgeben zu müssen. Das will ich nicht ausschließen… Und ich möchte dir noch sagen, dass auch auf dich jemand wartet, da bin ich von überzeugt. Ihr findet euch noch, ganz sicher! Liebe Grüße, Mina

    • Liebe Mina, ich denke, dass es nicht nur an uns liegt. Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass das WIR in der Gesellschaft das höchste Gut ist und die Aufgabe der eigenen Individualität damit mit einhergehen muss. Fühlte sich auf jeden Fall immer so an. Kann bei anderen anders sein. Ich finde einfach nur diese gesellschaftlichen, bürgerlichen Beziehungen ätzend, wo bestimmte Regeln vorgegeben sind und man bei Regelverstoß dann wütend werden „muss“, weil das gesellschaftlich so erwartet wird. Und diese Leute fragen sich niemals selbst, gehen niemals in sich und fragen sich, ob sie das jetzt wirklich stört oder sie nur einem Schema folgen.
      Deshalb denke ich, dass unsere Einstellung nicht die allerschlimmste ist 🙂

    • Hey Payoli, das hast du sehr schön formuliert. Leider ist es schwer, jemanden zu finden, wenn alle um dich herum auf etwas anderes programmiert sind… aber ich gebe die Hoffnung nicht auf-die ist ja auch mit der Liebe verwandt 😉
      Und eine schicke Seite hast du auch 😉
      Hexische Grüße, Sofia

  4. Ich würde eigentlich nur gern mal ein richtig fesches Hochzeitskleid besitzen, heiraten muss aber nicht sein. 🙂 Ich bin auch kein „WIR“-Mensch und finde es furchtbar, wenn ich einen Freund frage, ob er mit mir ins Kino geht und er dann wie selbstverständlich antwortet: „WIR können nicht, meine Freundin hat schon was vor“. In meiner Beziehung hat der Freund eigene Interessen und ich auch. Einmal die Woche geht er seinen Hobbies nach oder ist sonstwie aus dem Haus, damit ich einen Abend für mich ganz allein habe, weil ich das einfach brauche und er das versteht. Ich fahre auch häufiger mal alleine für ein paar Tage weg auf’s Land … ich bin nicht egozentrisch und auch kein Einzelgänger, ich brauche nur viel Frei-Raum und einen Partner, der das nicht nur hinnimmt, sondern unterstützt und mit mir ein harmonisches „Ich und Du“ bildet. 🙂
    Interessanterweise komme ich mit einer offenen oder polyamoren Beziehung aber gar nicht zurecht, ich brauche schon ein gewisses Maß an Sicherheit,Treue und Zweisamkeit.

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