Sie ist verrückt (3)

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Nachdem sie die Kinder nach Hause gebracht hat, befindet sie sich auf dem Heimweg und ist immer noch so glücklich über den Kinderbesuch, dass sie weiterhin Grimassen zieht, die Zunge raus streckt, die Augen verdreht, ihr Lieblingslied singt, dazu hüpft und tanzt, lacht, die Arme hochwirft, die Hände zu Fäusten ballt, springt und schließlich zu Hause ankommt.

Dort zieht sie von Neuem ihr weißes, durchsichtiges Kleid an und legt sich einen Kranz um, der aus Blumen besteht, und sie damit aussieht wie eine junge Elfe.

Dann setzt sie sich draußen auf das Treppengeländer, streckt die Zunge raus, lacht dabei und klatscht, so, als ob in dem Moment irgendwas Erfreuliches passiert wäre.

Plötzlich stellt sie sich auf das Geländer, groß wie eine Königin, die über alle herrscht, duckt den Kopf ein wenig, weil sie sich sonst mit dem Kopf an der Decke stoßen würde. Sie holt tief Luft, schaut dabei mutig drein, schüttelt ihren Kopf wild umher, hört wieder auf, grinst spitzbübisch, lächelt, lacht, lacht laut, lacht lauter und plötzlich – macht sie ein ernstes Gesicht, schaut nach vorne, lässt Arme und Kopf nach hinten fallen, schließt sanft die Augen, öffnet ein wenig den Mund und lässt sich langsam nach unten auf den Boden gleiten. Wie eine Fee sieht sie mit ihrem Blumenkranz aus, die langsam von den Wolken gleitet und auf die Erde hinab fällt. Genauso tut sie es: sie lässt sich langsam fallen und kommt mit Händen und Knien auf dem Boden auf, und so liegt sie dann da, auf dem Bauch, mit den Armen über den Hinterkopf, der ruhig auf der Seite liegt.

Sie macht ein ruhiges Gesicht. Die Augen hat sie geöffnet, doch sie schaut nirgendwo hin. Sie träumt. Sie liegt einfach nur still da, denkt nach und rührt sich nicht vom Fleck.

Sie schweigt. Sie dreht sich auf den Rücken und schaut hoch zum Himmel. Die Sonne ist verschwunden, es wird Abend. Tränen laufen über ihr Gesicht und sie kann es nicht zurückhalten. Sie verzieht den Mund und weint. Warum, weiß sie auch nicht genau. Sie weint. Ihre Tränen rollen in Richtung Ohren. Die Arme liegen ausgestreckt auf der Erde und ihr Mund ist feucht geworden. Dann hebt sie traurig die Arme hoch und streckt weinend die Hände aus, so, als ob sie flehend wartete, dass eine Hand kommt und ihr wieder aufhilft. Eine Hand für ihr ganzes Leben.

Nach einiger Zeit entdeckt sie neben ihr eine Blume, sie lächelt wieder, pflückt sie und ist wieder so überglücklich, dass sie aus vollem Herzen lächelt und den Duft der Blume genießt.

Sie springt auf, lacht, drückt die Blume sanft an sich und streichelt sie zärtlich, so, als ob sie nie geweint hätte. Denn die Blumen, das sind ihre Geschwister, die sie immer wieder aufheitern.

Sie krabbelt ins Haus und zieht ihr Nachthemd an. Dann deckt sie den Tisch für das Abendbrot, und wieder mit dem Geschirr, das eigentlich für Kinder ist.

Später schaut sie aus dem Fenster. Alles ist dunkel. Sie kann die Lichter unten im Dorf sehen. Alles durcheinander. Sie lächelt. Es sieht wunderschön aus. Ihre Augen strahlen, so, als ob sie es den Lichtern im Dorf nachmachen würde. Sie träumt.

Dann wird sie langsam müde, steht auf, zieht die Gardine zu und macht ihr kleines Bett, das Bett, das neben dem Esstisch steht und hellbraun ist.

Sie stellt sich davor, umarmt sich selbst und denkt an etwas Schönes. Sie schließt dabei die Augen, lächelt und dreht den Oberkörper hin und her. Dann hebt sie die Arme, lacht und zeigt Zähne und Zunge.

Sie steigt in ihr Bett und kuschelt sich warm ein. Sie kichert. Dann schließt sie die Augen und schläft ein. Sie träumt etwas Wunderbares, denn sie hat ein Lächeln auf ihren Lippen.

Nun schläft sie dort, wie eine glitzernde Porzellanpuppe in ihrem Holzbettchen:

Dicke Wangen, eine kleine Nase, lächelnde Lippen und träumende Augen. Man könnte meinen, sie sei das zarteste Wesen auf der ganzen Welt.

Jetzt schläft sie sanft bis zum nächsten Morgen und was sie dann tut, weiß niemand, denn sie ist unberechenbar. Verrückt ist sie. Sie ist verrückt.

Ende.

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