Sie ist verrückt (2)

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Sie kommt im Häuschen an, legt ihr durchsichtiges Kleid ab und zieht ein blaues, weiß-bepunktetes, kurzes, enges Kleid an. Dann nimmt sie eine rosane Haarbürste aus der Schublade, kämmt sich ihre langen Haare durch, holt eine blaue Schleife aus ihrer kleinen Schatulle und macht sich damit einen hohen Zopf, weil sie ins Dorf, das nicht weit entfernt ist, gehen muss. Wenn sie nämlich ins Dorf geht, macht sie sich immer besonders hübsch. Sie kramt aus einem hellvioletten Täschchen einen Lippenstift heraus und malt sich die Lippen rosa-rot an und lackiert sich ihre langen Fingernägel mit ihrem liebsten Nagellack.

Heute, da muss sie Zutaten für das Mittagessen besorgen, also hängt sie sich ihre größte und schönste Tasche um, schließt die feine Holztür ab und macht sich auf ins Dorf.

Im Dorf, da schauen ihr die Leute hinterher, denn sie läuft barfuß. Es ist sehr heiß, sie springt von einem Bein aufs andere, läuft wieder langsam, fängt wieder an zu hüpfen, summt dabei um sich her, lächelt und grüßt fröhlich alle Leute – auch die, die sie nicht kennt.

Die Menschen im Dorf lächeln, wenn sie sie sehen. Viele meinen, sie sei das schönste Mädchen im ganzen Dorf Auch die jungen Männer, die sie sehen, bewundern sie.

Von ihnen wurde sie schon zu vielen Dorffesten eingeladen, mit viel Musik und schönen Kleidern. Doch da geht sie nur hin, weil sie dort immer zu der Musik tanzen möchte.

Wenn sie dort vortanzt, bleiben viele Leute vor ihr stehen und schauen begeistert zu ihr auf die kleine Bühne hinauf, auf die sie sich immer zum Tanzen neben die Folklore-Musiker stellt.

Die Musiker, die auf den Festen für Musik sorgen, finden das sehr schön, denn ihre Kunst zu tanzen lockt viele Menschen zum Fest.

Manchmal wird sie sogar von den Fest-Veranstaltern persönlich eingeladen, um ihre Tanzküste vorzuführen.

Dann steigt sie auf die kleine Bühne, hebt zum Anfang den Arm, schaut sehr selbstbewusst drein, so wie es die professionellen Tänzer tun, wippt ein wenig mit dem Körper, holt sich Schwung, hebt das Bein und wieder runter, holt sich nochmal Schwung, dreht sich auf einem Bein und winkelt das andere an wie eine Ballerina, springt hoch, stellt sich auf Zehenspitzen, lässt die Arme zur Musik tanzen, dreht sich dabei im Kreis, stellt sich wieder in Position und fängt an, mit ihren Füßen einen ganz schnellen Schritt anzuwenden, so, dass die Leute nur noch darauf achten können, nichts mehr sagen vor Bewunderung und am Schluss begeistert klatschen. Dann stellt sie sich nach ganz vorne auf die Bühne, überkreuzt die Beine und verbeugt sich elegant, wie eine Ballerina vor ihrem Publikum, das immer noch klatscht. Schließlich klatscht sie mit, so, als ob man darauf wartete. Doch die Leute sind einfach nur begeistert von ihren gefühlvollen Bewegungen.

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Das Tanzen, das hat sie sich ganz allein beigebracht, sie wacht auf und denkt einfach nur ans Tanzen. Die ganzen Bewegungen, Drehungen, Sprünge und die richtige Haltung hat sie Jahr für Jahr hart gelernt. Aber gern, und so tanzt sie nun auf immer mehr Festen.

Sie zieht dazu meistens ihre hübschen Ballettschühchen an, doch manchmal kann es passieren, dass sie sie einfach vergisst und so tanzt sie dann auch gerne barfuß.

Doch heute im Dorf hat sie nicht ihre Schuhe vergessen, nein, sie läuft freiwillig barfuß und hüpft fröhlich weiter. Ihre Tasche hat sie so umgehängt, dass sie beim Hüpfen nicht runter fallen kann.

Doch dann tritt sie aus Versehen in eine Glasscherbe, quickt erschrocken laut auf, fasst sich an den Fuß und sieht, dass sie am Zeh blutet. Sie hüpft schnell auf einem Bein zum kleinen, naheliegenden Brunnen und hält den blutenden Zeh ins kalte Wasser.

Die vielen Leute, die um den Brunnen auf Bänken sitzen, beobachten sie dabei, denn der Brunnen steht an einem Platz, an dem die Leute des Dorfes sich ausruhen, ein Eis essen und ihre Kinder dort spielen lassen. Sie nennen den Platz: „Dorfpark“.

So sitzen auch heute, an so einem warmen Tag, viele Menschen im Park und sie sehen, wie sie plötzlich nicht nur den Zeh ins Wasser hält, sondern sich mit beiden Beinen ins Wasser, das ihr ungefähr bis zu den Knien reicht, stellt. Sie hält sich mit einer Hand an der hübschen alten Statue, die im Brunnen steht und einen großen Wassermann mit Vollbart und einem Dreizack in der Hand zeigt, fest. Dann schüttelt sie beide Füße nacheinander im Brunnen, so, dass ein wenig Wasser nach oben spritzt. Daraufhin lässt sie die Statue los, taucht langsam und vorsichtig mit einem ernsten Gesicht ihre Hände in den Brunnen und gießt sich das Wasser über ihren Kopf, so, dass Haare und Gesicht nass werden.

Das lockt die Dorfkinder an, die neben dem Brunnen spielen.

Erst schauen sie ihr nur kichernd und flüsternd zu, doch als sie sich samt Kleid ganz ins Wasser hineinsetzt, plantschen auch sie mit ihr vergnügt im Brunnen und die älteren Leute lachen. Dann taucht sie unter, so dass sie sich auf den Grund des Brunnens legt, wieder hochkommt und lacht. Die Kinder spritzen, lachen, hüpfen und klatschen mit ihr.

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Die Dorfkinder, ja, die kennen sie am besten von allen. Denn sie nimmt sie oft mit zu sich nach Hause, in das kleine Holzhäuschen und kocht Mittagessen für alle. Niemand hat etwas dagegen, denn zu ihr haben alle Vertrauen.

Genauso macht sie es heute. Als ihre Kleider von der Sonne wieder ein bißchen getrocknet sind, nimmt sie alle mit zum Markt, wo sie genug Zutaten für alle in ihre Tasche kriegt.

Zuhause, da helfen ihr alle Kinder, den Tisch zu decken und das Essen zuzubereiten. Dann holt sie einen weiteren Tisch, weil nicht alle Kinder an den kleinen, runden passen.

Während des Essens reden alle mit vollem Mund, schmatzen und schlürfen, was es zu schlürfen gibt. Bei ihr können sie das tun, denn sie tut es selber auch.

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Nach dem Abwasch hören sie hübsche Lieder, stellen sich in einem Kreis auf, fassen sich an den Händen, tanzen nach links, nach rechts, dann wieder nach links, kommen alle in die Mitte des Kreises und gehen wieder zurück.

Ein kleines Mädchen, das gerne tanzt, stellt sich in die Mitte des Kreises, tanzt ihren eigenen Tanz und am Ende klatschen alle fröhlich.

Es wird langsam spät und sie bringt die Kinder nach Hause. Auf dem Weg dorthin schneiden sie alle die lustigsten Grimassen.

Sie streckt die Zunge so weit raus wie sie nur kann und macht dabei große Augen. Die Kinder lachen, und sie fängt an, sich die Nase und ein Ohr langzuziehen und dabei zu schielen. Die ganz kleinen der Kinder glauben, sie sei auch ein Kind, genau wie sie.

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