„Sie ist verrückt“ (1)

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Sie ist verrückt

Sie lebt in einem kleinen Holzhäuschen

neben dem kleinen See

inmitten einer Blumenwiese

auf dem Lande.

In ihrem kleinen Holzhäuschen schläft sie in einem Bett, auf dem eine geblümte Bettwäsche liegt und es darunter himmlisch weich und warm ist. Das Bett selbst ist hellbraun und steht neben ihrem kleinen, runden Esstisch.

Doch als sie morgens aufsteht, setzt sie sich nicht an ihren Tisch und frühstückt, nein, zuerst stellt sie sich vor die Tür, vor die zwei breiten Stufen auf ihrer kleinen Veranda, schaut geradewegs auf das Blumenfeld hinaus und kneift dabei ihre Augen bis zu einem schmalen Schlitz zu, so, dass man denken könnte, sie wolle es gerade mit jemandem aufnehmen. Im selben Moment ballt sie bereit ihre kleinen, zarten Hände zu Fäusten. Gleichzeitig pustet sie einmal und zeigt ihre dicken Wangen. Dann breitet sie langsam die Arme weit aus, wie ein fliegender Vogel und läuft los, so schnell sie kann durch das Feld, dreht sich im Kreis, lacht zur Sonne hinauf, lässt sich fallen und von der frischen Morgenluft umhüllen.

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Das tut sie nicht jeden Morgen, doch wenn sie es tut, zieht sie – wie heute – meistens davor noch ihr schönstes Kleid an. Es ist weiß und durchsichtig. Doch das macht ihr nichts aus.

Als sie sich wieder ausgeruht hat, pflückt sie ein paar Blumen, die neben ihr wachsen und steckt sie sich ins Haar. Sie richtet sich wieder auf, schüttelt sich ein wenig, grinst dabei frech, läuft dann zurück zum Haus, hebt dabei ihre Arme und schüttelt lachend ihre Hände, so, als ob sie zittere.

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Im Häuschen deckt sie ihren runden Tisch mit Geschirr, das eigentlich für kleine Kinder ist. Dann setzt sie sich an den Tisch, kreuzt ihre beiden Füße übereinander und frühstückt.

Nach dem Essen spült sie das Geschirr und stellt alles wieder in die kleinen Schränke, die über ihrer Spüle hängen.

Doch mit dem Spülen ist es noch lange nicht getan, denn im Haushalt gibt es noch mehr zu tun:

sie klopft die Teppiche, wischt den Boden, putzt Staub und reinigt ihre süßen, kleinen Fenster. Dabei hört sie ein wenig Musik und singt mit – so laut, dass man es bis draußen hin hört.

Als sie fertig ist, wäscht sie sich nicht die Hände, nein, zuerst geht sie raus zum See, stellt sich auf einen Felsen und zieht sich ihr langes Kleid aus, so, dass sie gar nichts mehr anhat. Sie legt ihr Kleid neben sich hin, streckt ihre nackten Brüste aus, lässt den Kopf nach hinten fallen, und schaut mit ausgebreiteten Armen grinsend zur Sonne hinauf. Dann blickt sie geradeaus und bedeckt das Gesicht mit ihren Händen, so, dass sie nichts mehr sehen kann. Langsam knickt sie ein wenig ihre Knie ein und springt – laut jauchzend, wild schreiend und mit den Beinen strampelnd ins kühle Wasser, so, als hätte man sie hineingeschubst.

Als sie wieder hochkommt, lacht sie laut, plantscht, springt im Wasser umher, lässt sich nach hinten gleiten, taucht unter, schreit, lacht, jauchzt, haut die Hände aufs Wasser und schreit wieder, so, als ob noch tausend andere Menschen mit ihr im Wasser wären.

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Langsam krabbelt sie aus dem Wasser heraus, holt sich ihr Kleid vom Felsen herunter, zieht es wieder an, setzt sich im Schneidersitz mit dem Rücken an den Felsen angelehnt auf den Boden, schließt die Augen, legt die Arme mit der Handfläche nach oben auf die Schenkel, drückt sanft ihre Finger in die Handfläche und lässt nur Daumen und Zeigefinger gerade, so, dass sie sich berühren.

So sitzt sie dann einige Zeit da. Sie sagt nichts, lässt die Augen geschlossen und rührt sich auch nicht.

Langsam zählt sie: 1, 2, 3! Reißt dann auf einem Schlag die Augen auf, spreizt gleichzeitig die Finger so weit auseinander wie sie nur kann, und alles sieht so aus, als hätte sie etwas gehört und wäre vor Schreck plötzlich aufgewacht. Doch sie schaut nur geradeaus, nicht nach rechts, auch nicht nach links.

Aber dann kneift sie die Augen ganz weit zu, macht sie wieder auf und erhebt sich.

Sie geht ganz langsam, mit kleinen Schritten, nach unten blickend und mit den Armen nach hinten auf dem Rücken überkreuzt in ihr Häuschen zurück, so, als wäre an diesem Tag noch gar nichts geschehen. 

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